Das Vabanque-Spiel mit der Hotelzimmer-Karte ist das eine. Doch wenn wir eintreten, geht der Wohn-Unsinn oft erst richtig los. Wie sollen wir uns da auf Geschäftsreise jemals wie zu Hause fühlen? Lassen wir es raus!
Kaum etwas im Leben leitet uns doch wohl so in die Irre wie die Online-Bewertungen von Hotels. Ganz einfach deshalb, weil alle auf unterschiedliche Dinge Wert legen. Da bekommt ein Hotel auf dem Gipfel einer Klippe mit idyllischer Badebucht und mit frontalem 180-Grad-„Sichtfeld-komplett“-Blick auf den Atlantik im Sonnenuntergang vom Buchungsportal nur drei Sterne, weil die Anlage über nur zwei Außenpools verfügt. Und ein anderes bekommt fünf Sterne etwa dank eines riesigen Infinitypools, obwohl das Haus auf die Schutthalde im Zentrum eines Autobahnkreuzes gesetzt wurde.
Aber einige Marotten haben sich in die Hotel-Infrastruktur eingeschlichen, da müsste doch menschheitsweit Einigkeit bestehen: Das ist Stuss. Wie sehen Sie das? Hier ein paar Beispiele.
Mit etwas Glück entriegeln wir mithilfe der Zimmerkarte das Türschloss und zerren den Rollkoffer gegen den Widerstand der in den Rahmen zurückdrängenden Tür in den kleinen Flur. Über der Schulter Rucksack oder Umhängetasche. Noch währenddessen folgt der obligatorische Ellenbogendruck auf einen der vielen Lichtschalter direkt neben der Tür. Wenn nicht die Zimmerkarte in einen Schlitz hinter der Tür gesteckt werden muss, tut sich was. Bei mir geht dann meist das Licht im Bad an und schimmert unter der verschlossenen Tür hindurch.
Vergangene Woche war ich in einem Haus untergebracht, da hatten sich die Elektriker (wahrscheinlich vor dreißig Jahren, denn die Schalter waren rund, dick und dunkel-braun) den Spaß erlaubt, die Knöpfe gegen jede annehmbare Gast-Intuition zu belegen. Mit dem allerersten Schalter von der Eingangstür aus betrachtet (für mich wäre das der für das Deckenlicht direkt vor dem Bad gewesen) ließ sich die Stehlampe ganz hinten neben dem Bett am Fenster bedienen.
Das war mir allerdings erst aufgefallen, als ich mich ins Bett gekuschelt hatte, um von dort den Lichtschalter über dem Nachtisch zu drücken und alles ausging, außer der verdammten Stehlampe. Ich also wieder auf und barfuß (mit verstauchten Zehen und noch außer Atem, denn ich hatte kurz vorher noch im Liegen mit den Füßen die leichte Herbstbettdecke unter der Matratze herausgerissen) zur Stehlampe.
Ich greife in den Schirm: nix. Ich verfolge das Kabel vom Fuß bis zur Steckdose. Nix. Ich zur Schalterbatterie an der Tür. Ich klackere alles durch: Deckenlampe über dem Fernseher an aus, vorm Kleiderschrank an aus, Bad an aus – und der maximal weit von der Lampe entfernte Schalter war es. Im Stockdunklen stakse ich zurück. Noch einmal einen Schalter zu drücken, wäre mir zu heikel. Ich muss am nächsten Morgen früh raus und habe keine Zeit zu verschenken.
Diese Logik verdrillt und verknüllt mit den Arrangements, die sich vom Bett aus schalten lassen (mal geht alles aus, mal nur der Raum und der Flur bleibt hell, mal gehen zusätzliche Lampen unter Zierleisten und unter Tischsockeln an, von denen man gar nicht wusste, dass es sie gibt und auch nicht wozu), kann ein menschliches Hirn nicht mehr folgen, geschweige denn vorausahnen, was da passiert. In jedem Restaurant liegt die Gabel links und das Messer rechts, obwohl man beide in einer Sekunde in den Händen wechseln könnte. An jedem Wasserhahn heißt rot warm und blau kalt. Warum können nicht auch Lichtschalter einer Logik folgen? Weltweit könnten dutzende Kohlekraftwerke vom Netz gehen.
Immer wenn du denkst, dieser Safe lässt sich diesmal intuitiv bedienen, gibt es wieder eine neue Finte. Erst den roten Knopf innen drücken, dann vier Stellen eintippen oder mindestens fünf (oder sechs), dann zum Schluss A drücken oder B (oder egal) oder Lock, dann schließen, oder erst schließen, dann tippen, dann drehen. Oder es dreht von selber. Wenn nicht die Batterie leer ist. Mal heißt blinken „alles gut“, mal „Fehler“. Auf eine Variante wäre ich nie gekommen. Nachdem ich vor drei Wochen ALLES EX-AKT nach Vorgabe der laminierten Ekel-Anleitung durchexerziert hatte und der Safe zwar piepte, aber sich nicht schloss und ich im locker übergeworfenen Feierabenddress zur Rezeption taperte (nirgend im Zimmer stand, welche Telefonnummer ich vom Zimmer aus für den Desk hätte drücken sollen – warum ist das eigentlich nicht einheitlich die 999 oder so?), bekam ich die freundliche Info: „Für den Safe brauchen Sie zusätzlich noch einen Schlüssel. Hier. Den stecken Sie innen unter dem roten Knopf rein.“ Knopf plus Code plus A und B plus Innenschlüssel. Was könnte es noch an Varianten geben? Mir fällt nichts ein.
Jedes Mal, wenn ich im Hotelzimmer meine Jacke aufhängen möchte, erinnere ich mich daran, dass das Hotel-Management mich für einen potenziellen Dieb hält. Wenn ich nämlich den Bügel aus seiner „Kannst du zuhause nicht gebrauchen“-Halterung hebe. Weil es aber nur mit zwei Händen möglich ist, die Jacke anschließend wieder einzuhängen und ich andere Dinge im Leben lieber erledige, als jeden Winkel eines von tausenden Menschen vor mir bewohnten Zimmers abzutasten, versuche ich meist, die Jacke direkt an den Bügel zu hängen, ohne den vorher herauszuholen. Ergebnis: zwei Bügel links und zwei Bügel rechts von dem von mir verwendeten donnern ungebremst auf das Furnier am Boden des Schrankes. Ein einstiges Luxushotel in Bonn macht es richtig. Es verzichtet auf die Einhakbügel und stellt solch popelig-klapprige Bügel zur Verfügung, wie sie damals bei Karstadt immer „zum Mitnehmen“ in Gitterpaletten neben die Kasse geworfen standen. Und niemand hat sie mitgenommen.
Vor ein paar Tagen, ICE zu spät, Late-Check-in, ich Hunger, öffne die Minibar, strahlend weiße Leere. Ein laufender Kühlschrank ohne jeden Inhalt. Auf dem Tisch darüber ein Pappaufsteller: „Minibar mal anders“. Und das ging so: leeren Kühlschrank öffnen – Enttäuschung verknusen – Pappschild lesen – Fernseher anmachen – im Homemenü „Services“ öffnen – dann „Zimmerservice“ – dann Gerichte und Getränke aussuchen – die wegen der angezeigten Preise tränenden Augen trocknen – und dann checken: Wo kann ich dann denn jetzt klicken, um aufs Zimmer zu ordern? Antwort: nirgends. „Bitte rufen Sie zum Bestellen die folgende Telefonnummer an“. Wozu! Dann! Der Umweg! Über den dämlichen Fernseher? Ich hatte in meinem Rucksack noch einen Lieblings-Gast-Keks aus dem Zug. Basta.
Es gibt sie bis heute: Hotelzimmer ohne Steckdosen am Bett. Ja, vielleicht macht ein starkes Handymagnetfeld direkt am Kopf beim Schlafen irgendwann Krebs. Aber Steckdosen neben dem Wasserkocher gegenüber am Kühlschrank machen kurzfristig Magengeschwüre. Vor allem, wenn das Handy auf Geschäftsreise als Wecker fungiert. Und bitte keine alten USB-Anschlüsse statt Steckdosen. Die Zukunft ist da. Und die heißt USB-C.
Weil mittlerweile in vielen Hotels die Gästinnen und Gäste auschecken, indem sie ihre Schlüsselkarte in eine Plexiglas-Box werfen und wortlos das Haus verlassen, weiß das Reinigungsteam auch nicht mehr, ob die Gäste noch im Haus sind. Wenn Sie sich also ein, zwei Stunden vor der finalen Auscheck-Frist noch im Zimmer aufhalten und das „Nicht stören“-Schild an den Außenknauf hängen – etwa, weil Sie sich nach einem Frühstücksvorfall mit einer gebratenen, sehr prallen Tomate noch eben schnell eine andere Hose anziehen wollen – , dann könnte es sein, dass die Reinigungsleute in ihrem Bestreben, schnell voranzukommen, unterstellen, Sie hätten das Schild einfach nur nicht mehr reingehängt, bevor Sie abgereist sind, und stehen dann plötzlich mit dem Handtuchwagen und großen Augen in der Tür, während Sie gerade mit eingezogenem Bauch vorm Spiegel springend versuchen, den Reißverschluss zu schließen. Meine persönliche Faustregel: Am Auscheck-Vormittag keine Kopfhörer mit Außengeräuschunterdrückung im Zimmer tragen. Herzinfarktgefahr!
Vielleicht sind die Duschköpfe in Hotels auch immer absichtlich so justiert, dass man sie so blöd findet und sie deshalb nicht klaut. In gefühlt jedem zweiten Hotelzimmer läuft das Wasser aus der Dusche direkt auf die Fußmatte vor dem Waschbecken. Und wenn der Duschkopf wegen Konstruktionsfehlern nicht so eingehakt werden kann, dass er mitten ins Bad spritzt, wurde zusätzlich noch das Silikon so verspritzt, dass das Wasser zuverlässig unter der Glastrennwand hindurchlaufen kann. Danach ist das Bad nur noch in Straßenschuhen zu betreten. Nicht besonders wohnlich. Aber so checken die Gäste sicherlich früher aus.
Und wenn Sie jetzt denken: Haben wir zu Zeit keine größeren Probleme in diesem Land, meine Güte? Dann sage ich Ihnen: Wir könnten uns viel besser auf die weltbewegenden Fragen fokussieren, wenn uns im Motel One direkt nach dem Aufstehen nicht die Flüssigseife in ihrer Flasche von der viel zu kleinen Plastikhalterung auf die doch längst schon verstauchten Zehen fallen würde. Lesen Sie auch: GenZ auf Reisen – Darauf legen junge Erwachsene im Urlaub wert
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